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Haus Vaterland Berlin - Fundstücke
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Broschüren: 10Jahre Haus Vaterland 1938
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Eröffnung 1928
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10 Jahre
Haus Vaterland |
frei
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Im Jahre 1938 feierte das Haus Vaterland zehnjähriges Bestehen und würdigte dies nicht nur mit einer angemessenen Feier, sondern auch mit einer Festschrift.


10 Jahre "Haus Vaterland"
Am 1. September 1928 eröffnete Haus Vaterland seine Pforten. Zehn Jahre sind nur eine kurze Spanne Zeit - aber in diesen zehn Jahren ist Haus Vaterland so sehr zum Wahrzeichen des Potsdamer Platzes und des Berliner Vergnügungslebens geworden, daß hier ein flüchtiger Rückblick in die Geschichte gestattet sei. Ein flüchtiger Rückblick nur - beileibe keine historische Abhandlung!
Schade, daß es noch keinen Rückwärts-Fernseher gibt - es müßte spaßig sein, mit heutigen Augen zu sehen, wie es am Potsdamer Platz beispielsweise zur Zeit der Völkerwanderung aussah . . . Oder, wenn wir nicht so weit zurückgehen wollen um 14OO, als Berlin noch freie Hansestadt war. Jedenfalls sind unserer Fantasie keine Schranken gesetzt . . . Im Rokoko erhob sich an der Stelle, wo heute die Vaterland-Kuppel in den Himmel ragt, ein kleines, einstöckiges Haus: Das Heim des Flötenkünstlers Johann Joachim Quantz, desselben Quantz, der Kronprinz Fritz, nachmals Friedrich der Große, im Flötenspiel unterrichtete - sehr zum Ärger von dessen Vater.
Und im vollen Glanz der Geschichte strahlt der Potsdamer Platz seit 100 Jahren - seit jenem Oktobertag 1838, an dem gravitätische Herren mit Biedermeier-Zylinder und ehrbare Damen in rauschenden Taft-krinolinen baß erstaunten, als eine bekränzte Maschine mit viel Funken und Fauchen an ihnen vorrüberratterte, gleich bis nach Potsdam - die erste preußische Eisenbahn!
Und wieder erlebte der Potsdamer Platz einen Höhepunkt: 1912 wurde im heutigen Haus Vaterland das 2000 Plätze fassende Cafe Piccadilly eröffnet, jetzt Kaffee Vaterland, das erste Berliner Großkaffee. Seine weltstädtische Aufmachung war Tagesgespräch der Reichshauptstadt. Sechzehn Jahre später begann mit der Eröffnung des Hauses Vaterland eine neue Epoche des Berliner Vergnügungslebens, Gewiß, Berlin war schon immer reich an Möglichkeiten, sich zu unterhalten angefangen von der kleinen Destille über Schramm 's und den Tanz in Halensee bis zum feudalen Palais de Danse: aber eins war allen diesen Vergnügungsstätten gemeinsam: Immer war nur ein Eindruck möglich, immer wurde gleichsam nur eine schöne Blume geboten.
Haus Vaterland bietet mehr. Mit seinem Beieinander verschiedenster und entgegengesetzter Möglichkeiten überreicht es gleichsam einen ganzen bunten Strauß. In bisher noch nicht gekanntem Maß hilft die Technik, einen Besuch seiner Räume zu einem traumhaft schönen Erlebnis zu gestalten. Glücklich auch die Verbindung mit Kempinski, die bei Speisen und Getränken einen entsprechend hohen Grad der Vollendung sichert und so von Jahr zu Jahr neue Freunde aus Berlin, dem Reich und aller Welt gewinnt.
Die schönen Räume, die gute Artistik und nicht zuletzt die gastronomische Betreuung durch Kempinski sie alle verhelfen zu einem erlesenen Dreiklang und verbürgen auch für das kommende Jahrzehnt;
„Hans Vaterland immer ein vergnügter Abend!"

Bitte machen Sie einen Versuch:
Nehmen Sie irgendwo in einer Ecke Berlins ein Taxi, gleich, ob in der Innenstadt oder Neukölln, ob im Osten oder in Charlottenburg, und sagen Sie dem Schofför: „Zum Potsdamer Platz!" Der Schofför wird kurz feststellen, daß Sie keine Koffer haben also wohl kaum zum Bahnhof wollen und Sie in 95 von 100 Fällen da absetzen, wo sich auch nach seiner Meinung das Herz der Reichshauptstadt befindet, der Mittelpunkt des Berliner Vergnügungslebens, der Inbegriff ausgelassener Stunden: Beim Haus Vaterland.
Die Nacht ohne Pause!
Es ist nicht leicht zu sagen, was einen Abend im „Vaterland" zu so ungezwungener Fröhlichkeit steigert, zu der beschwingten Heiterkeit, die uns gewinnt, wenn wir kaum das Haus betreten haben, und die uns begleitet bei dem zwanglosen Rummel durch lockende Säle, behagliche Ecken und lachende Stunden. Möglichst lange möchte man die Trennung von diesem Palast der guten Laune hinausschieben, und diese gute Laune klingt noch am nächsten Tag nach, wenn wir uns längst schon wieder dem Alltag verschrieben haben.
Vielleicht bezaubert uns Haus Vaterland schon dadurch, daß wir nach Lust und Neigung immer neue Eindrücke sammeln können wo sonst kann man so herrlich eigenwillig durch eine Vielfalt bunter Möglichkeiten toben?! - Vielleicht auch einfach dadurch, daß wir zwischen unseren „Reisen" nicht die Koffer zu packen, ja, nicht einmal den Mantel von der Garderobe zu holen brauchen, und daß keine nüchterne Straße unseren schäumenden Frohsinn unliebsam stört.
Wie dem auch sei: Wer einen Abend im Haus Vaterland erlebt, der gerät unversehens in den Strom freudiger Hochstimmung, der vergißt darüber für herrliche Stunden allen grauen Tageskram und manche Trübsal und kennt eigentlich nur noch eine leis verwunderte Frage, ob er so froh sei, weil hier der anspruchsvollste Traum eines vergnügten Abends seine Erfüllung gefunden hat, oder ob er so glückhaft träume, weil hier allenthalben der Frohsinn regiert. Es soll Menschen geben, die alles systematisch tun, auch das Vergnügen, und die zum Beispiel nach vorher festgelegtem Programm von Saal zu Saal ziehen und sich dabei groß amüsieren. Wer das Haus Vaterland in seiner ganzen Vielfalt erleben will, der macht es anders: Der schlendert ohne Absicht und ohne Ziel über Gange und Treppen, guckt hier mal zu und nimmt dort mal Platz, zerbricht sich für eine Minute den Kopf, zu welcher Nation die quickvergnügten Paare gehören mögen, die eben um die Ecke kommen aber nicht zu lange; denn mit vielem Lachen naht eine andere, womöglich noch ausgelassenere Gruppe, eine merkwürdige Sprache sprechen die ... Hören wir lieber auf, uns den Kopf zu zerbrechen, bummeln wir vertrauensvoll weiter, der Nasenspitze nach, irgendwo werden wir schon landen, vorbei an blitzenden Vitrinen, und da ist ja auch schon das Herz des Hauses, die

Rheinterrasse
mit dem weltbekannten Rheinpanorama. Unglaublich echt wirkt diese Aussicht auf den majestätisch dahinfließenden Rhein, auf grüne Weinberge und Burgen, deren Fahnen im Wind flattern. Wolken ziehen über die Landschaft, ein Gewitter mit Regenschauern und Donnergrollen, mit zuckenden Blitzen und brausendem Wind macht in der Tat vergessen, wo wir sitzen: In einem Raum nämlich, der gleichzeitig ein Variete bester Artistik ist, dessen Programm monatlich wechselt und immer auf neue Überraschungen sinnt. Nicht beengt in Stählen sitzt man nebeneinander, sondern
bequem an kleinen Tischen oder großen Tafeln, inmitten von Gästen aus aller Welt, und läßt sich neben den Genüssen für Auge und Ohr nicht minder die aus der traditionell guten Kempinski-Küche und den berühmten Kem-pinski-Kellern schmecken.
Eben treten Artisten auf, ja, die sind gelenkig, ob wir das in einer stillen Stunde auch mal versuchen?, jetzt schweigt die begleitende Musik, nur die Trommel wirbelt, wirbelt, aha, der Salto, wenn das man gut geht, bloß jetzt nicht atmen fabelhaft, wie die das hingelegt haben.'
Und in das Beifallgeprassel fällt die Musik wieder ein, ein temperamentvoller Walzer klingt auf, und die Paare strömen zum Tanz . . .
An der schönen blauen Donau
liegt Wien, das singende, klingende Wien, mit dem Stephansdom und dem Prater, dem Girinzing und dem heiteren Heurigenschwips. Und,,Heuriger" wird beim Windlicht ausgeschenkt, wie es der Brauch verlangt, und die Kapelle spielt die schönen, altbekannten Lieder, die jeder sofort mitsingen und -sum men kann. Auf dem Parkett herrscht der Walzer vor, und aus der Ferne, drunten im Tal, grüßen die Lichter der alten Donaumetropole, winken die Türme vom alten ,,Steffel", und wenn sie manchmal schief zu stehen scheinen, ist es nicht ihre Schuld, sondern es liegt am Wein, am Wein, am Wein,..

Die linde Luft des Bosporus
Plötzlich umgibt uns die Stille eines maurischen Palastes. Zahllose schlanke Säulen tragen Bögen voll edlen Filigranwerks, unwillkürlich dämpfen wir den Tritt. Wenige Schritte, und vor uns liegt das Goldene Horn, Konstantinopel im Abendfrieden. Moscheen und Minaretts heben sich ab vom Horizont, gleich muß die Stunde nahen, wo der Muezzin mit eintöniger Stimme zum Gebet ruft. Niedrige Tische stehen im Türkischen Cafe umher, bequeme Hocker laden zum Verweiten. Halbdunkel ist der Raum, wenige Ampeln glühen. Man möchte in die Hände klatschen, um sich von artigen Mohren den Kaffee reichen zu lassen, man möchte die Augen schließen, um die Märchen aus Tausendundeiner Nacht ganz zu träumen . . .
In den fernen Osten
geht es, in die wundersame Japan-Bar. Ist es die fremde Melodie, die gerade leise ertönt, ist es dieses exotische Kolorit mit den schimmernden Laternen mit einem Male sind wir weg, weit weg von Berlin und Europa, trinken langsam unseren Reisschnaps und wissen bald nicht mehr, ob wir wachen oder träumen . . Dort in der Ecke der Mann, unbewegt, mit undurchdringlichem Asien-Gesicht, ein Mädchen mit seltsam schrägen Augen, leise huschen sie hin und her, ein zarter Klang von Porzellan, ein angenehmer, fremder Duft füllt den Raum
In den Wilden Westen
Da grüßt schon das Blockhaus mit dem Sternenbanner, nur murig hinein, die Rothäute sind in ihren Reservationen und die Kriegsbeile begraben, aber eine harte Luft weht hier noch immer, hier sitzen stabile Manner um stabile Holztische und genehmigen ein „Feuerwasser". Von den Wänden schauen ein halbes Dutzend amerikanischer Präsidenten zu, Doppelflinten und Tomahawks. Hier ist kein Raum für sanftes Zittern und süßes Zagen, die Texas - Band spielt auf, eine gepfefferte Musik, die in die Beine geht!

Eins, zwei-g'suffa!
Eh wir's uns versehen, ragen vor uns die bayerischen Alpen empor, im Vordergrund der blaue Eibsee. Hoch von der Zugspitze grollt das Berggewitter, und als es sich endlich verzieht, jodeln die Schuhplattler los, kräftige Hände klatschen auf die Krachlederne, und in das bierselige „Juhu!" mischt sich der tönerne Klang der schweren Maßkrüge. Stämmige Kellnerinnen schwenken durch den Raum und balancieren auf einem Arm soviel „Löwenbräu", daß uns schon vom Zusehen schwach wird, erst schwach und dann durstig, und als einene andere mit Majestät dampfende "Weißwürscht" vorüberträgt, gesellt sich munterer Appetit dazu. "Eins, zwei, g'suffa-" stimmt die Kapelle ein, alle singen mit und schunkeln vergnügt, und im Nu sind wir in der Schunkelstimmung, ein vergnügter Nachbar hat den einen Arm erwischt und uns mit kräftigem Zug nach links bewegt, damit wir erst einmal in Schwung kommen - nach rechts gehts dann schon von selber...
Der Gegensatz lockt!
Nach den ländlichen Panoramen grüßt uns ein ganz und gar moderner Raum, nach unserer Rekordreise durch die Erdteile finden wir Weltstadt-Pulsschlag im Palmensaal. Schmissige Melodien und straffe Rhythmen locken zum Tanz. Wer von der Galerie auf den fröhlichen Trubel hinabblickt, fühlt sich versetzt in ein Filmatelier mit fantastischen Bauten und goldenem Glanz, in ein modernes Märchen aus funkelndem Kristall und schimmerndem Glas. Die Geige jubelt, das Saxophon macht tolle Sprünge, und Klopfbaß und Schlagzeug befehlen den Takt.
Wo wäre der Tanzsaal,
der mehr zum Tanzen lockt?.

Eine Seefahrt die ist lustig!
Aber besonders schön ist sie, wenn man nicht seekrank wird, und wenn alles so praktisch beieinander ist, wie in der „Bremer Kombüse": Das Schifferklavier ertönt, deftige Seemannslieder schallen durch den Raum, und mit einem Köhm bewaffnet, klettern wir auf Deck. Unser Schiff scheint vor Madeira zu ankern, da liegt Funchal mit blinkenden Leuchtfeuern, schattigen Palmen und hohen Bergen, und während wir in bequemen Korbsesseln sitzen und in die südliche Nacht hineinträumen, kreuzen vor uns Dreimaster und Panzerschiffe . . .
Kurzweil am Wege oder
Die kleinen Freuden
Fast hätten wir vergessen, was den Reiz eines Bummels durchs Haus Vaterland so vergnüglich erhöht: Nach einem Besuch in der Bodega, der spanischen Landschenke, wo wir auf Fässern sitzend ein Glas Südwein genehmigen, vergnügen wir uns an den spassigen Kleinattraktionen, die uns im Vorübergehen fesseln. Undenkbar ist ein rechtes Männervergnügen ohne Schießbude, und so finden wir hier gleich zwei: Eine mit den bekannten Scheiben, und eine andere mit lustig tanzenden Zielballons, die sich hartnäckig gegen das Abgeschossenwerden sträuben, aber schließlich doch dran glauben müssen. Wen der Spielreiz zwickt, der kann sich an den verschiedensten Gesschicklichkeits-automaten versuchen, wer aber zartere Bande knüpfen möchte, dem gibt der Blumenstand Gelegenheit, seiner Dame eine Aufmerksamkeit zu erweisen, und wer sich noch später an den fröhlichen Abend erinnern will, holt sich bei Fotomaton sein Konterfei. Wen aber der Liebeskummer zu sehr plagt, den tröstet der Stand, wo Präsente geangelt werden, mit dem schönen Spruch: „Ich fühle keinen Liebesschmerz

Er sorgt für Alles
Gleich an der Mittelhalle, unmittelbar neben dem Grinzing, eine schmale Portiere, der Eingang ins Allerheiligste. Hier sitzt in einem winzigen Zimmer aber zum Sitzen kommt er kaum, hier arbeitet, hier telefoniert und telegrafiert, hier diktiert und konferiert der Mann, der dieses ganze Haus mitsamt 500 Menschen leitet: Richard Fleischer.
Er ist kaufmännischer und künstlerischer Leiter in einer Person und noch dazu Gastronom - keine Kleinigkeit bei einem Unternehmen dieser Bedeutung. Wer mal irgendwie seine Nase in Theater oder Artistik gesteckt hat, weiß, daß das eine Nervensäge ist, die den ganzen Mann erfordert. Ja, oft geht es beim Variete heißer her, als bei der Bühne; denn während hier vorher tage- und wochenlang geprobt werden kann, fällt diese wertvolle Vorbereitung beim Variete meist gänzlich fort. Auf seinen Reisen verpflichtet Herr Fleischer die Nummern, die er unterwegs entdeckt oder die ihm als hervorragend empfohlen werden und sieht sie meist erst am Vorabend des Premierentages wieder. Noch schnell einige Hinweise und dann ist schon der Abend da, der über den Ruf des Monatsprogramms entscheiden wird. Und wenn auch seine langjährige Erfahrung ein
Hinter den Kulissen
Theaterkulissen und Garderobenatmosphäre wirken auf lebhafte Menschen immer spannend und belebend, gleichsam wie eine Vorahnung all der Freuden und Erlebnisse und der höheren Wirklichkeit, die später von der Vorstellung ausgeht. Nun kennt zwar Haus Vaterland als Varietebühne keine „Kulissen" im engeren Sinne des Wortes; um so bunter und wichtiger sind hier die Garderoben. „ Girlgarderobe" - ein Wort, das einst die Phantasie der „bess'ren älteren Herrn " wundersam beflügelt hat... aber wir wollen nicht zu sachlich tun: Auch wir haben Spaß daran, hier für fünf Minuten herumzustöbern, neugierig einen Blick in die Schminkspiegel zu werfen, und die Spiegellampen an- und auszuknipsen. Wohl ausgerichtet, in preußischerOrdnung, stehen die Ballettsandalen, eine immer niedlicher als die andere, anscheinend eigens dafür geschaffen, später den Männern auf der Nase herumzutanzen. Und an der Wand hängen die zartbunten Tanzröckchen von Fräulein Nummer friedlich nebeneinander . . . In einer Ecke machen zwei Manner tiefe Verbeugungen, federn dabei, schnellen wieder hoch: Artisten beim „Weichmachen", damit der Körper zur Vorstellung gut eingespielt ist. Beim Hinausgehen werfen wir noch schnell einen Blick auf die Herrengarderobe, wo sich eben ein musikalischer Clown für die Vorstellung zurechtmacht. Es ist fast gespenstisch, zu sehen, wie sich das normale Menschenantlitz zu einer grotesken Maske wandelt, einer Maske, die sich der Träger mit vieler Mühe als besonders wirkungsvoll ersonnen hat, und die dann von niemand sonst nachgeahmt werden darf. Noch ein Blick auf die Uhr, gleich ist es so weit; Die Vorstellung beginnt

Ein Bein im Schnellzug, das andere im Bahnhofshotel, ein drittes im Agentenbüro und das vierte auf der Bühne -so leben die Artisten, Parodisten, Equilibristen und andere Optimisten. Besonders um den Monatsersten herum reichen vier Beine nicht einmal aus, selbst wenn man stets zu zweit ist, also das mit den vier Beinen völlig mit rechten Dingen zugeht. Sax und Phon sind immer beisammen, denn wo sollte schließlich Phon herkommen, wenn Sax nicht wäre? Phon ist doch ein Ton, oder besser gesagt ein Phon ist bloß ein Tönchen. Viele Phon ergeben erst einen Ton. und noch mehr Phon sind schon ein ganz schöner Lärm, wie er im Weltstadtverkehr um den Potsdamer Platz zu Hause ist. Vor Jahren sind die Phon, die zum damaligen Verkehrsturm emporbrandeten, einmal gemessen worden, es waren wohl 89 Phon, und gleich dahinter, ein paar Phon weiter in der Skala der Lautstärke, kam Löwengebrüll. Merkwürdig: Damals wurde das Phon durch den Potsdamer Platz berühmt, heute spricht man wieder von Phon in Verbindung mit dem Potsdamer Platz. Aber dieser Phon von heute nimmt es mit den 89 von damals hundertmal auf, obwohl er noch jung an Jahren ist.
Ein Ton, ein Tönchen hat der Junge am Leibe, daß alle Grammophone, Xylophone und Saxophone der Welt vor Neid erblassen. Denn es ist ein komisches Tönchen sozusagen, das das Zwerchfell der Mitmenschen reizt, das in fünfzehn Jahren über die Variete- und Kabarettbühnen der ganzen Welt geklungen ist, ein erfolgreiches Tönchen, das sich schon im kindlichen Alter von sechs Jahren die Zuschauer eroberte, ein studiertes Tönchen sogar, das drei Jahre in Berlin die Musikhochschule besuchte, kurz also ein Prachttönchen. Doch es klingt nicht alleine, kann es ja auch nicht, denn wie gesagt wo wollte es herkommen, wenn Sax nicht wäre? Phon ist nämlich der Sohn. Und Sax ist der Vater. Und beide sind unzertrennlich. Bis vor wenigen Wochen, als sie von Scheveningen zu ihrem Gastspiel auf der Essener Reichsgartenschau fuhren. Da fuhr auf einmal Sax in einer ganz anderen Richtung weiter, während Phon allein in Essen landete.Aber wie konnte der Zugführer wissen, daß Sax allein im Speisewagen war und der Sohn Phon im Zugabteil bei den Instrumenten saß?'' So waren Sax und Phon tatsächlich mit einem Bein in Essen, mit einem Bein im Schnellzug und mit einem anderen auf der Bühne, denn die Probe war dringend.
Jetzt bei ihrer Ankunft in Berlin klappte es besser. Nachts durchgefahren, am frühen Morgen Ankunft, mittags Probe im Haus Vaterland und abends stürmisch umjubelter Auftritt. Das war Sax und Phons Premiere in Berlin.Vor 27 Jahren hatte er, Vater Sax -damals allerdings noch nicht Vater schon einmal eine Berliner Premiere, nicht auf der Bühne, sondern auf dem Standesamt. Und demnächst wird er eine dritte Berliner Premiere haben - - als leidenschaftlicher Segler auf Berlins Gewässern. Denn im Anschluß an ihr August-Gastspiel wollen Sax und Phon nach zweijähriger ununterbrochener Arbeit den langverdienten Urlaub machen, Urlaub von den Brettern, doch nicht vom Saxophon. Das wird über den Wannsee kichern, damit wir Berliner was zu lachen haben.
Ahoi - Sax und Phon!

Die Texte der Briefe folgen...

Technischer Zauber
Wenn der Donner über die Rheinterrasse rollt, wenn am verfinsterten Himmel die Blitze zacken und der Regen rauscht, dann ist der Eindruck so packend, daß auch Gäste, die schon zum xten Male da sind, von dieser Stimmung ergriffen werden. Da sich aber Blitz und Donner im allgemeinen nicht in geschlossenen Räumen austoben, wollen wir uns bei der Stelle Aufschluß holen, die hierfür höchste Kompetenz ist: heim Donnergott selber. Der Donnergott ist von Beruf Elektriker und wohnt nicht in einer Wolke, sondern in einem kleinen Raum, in dem es von Sicherungen, Schaltern und Hebeln nur so wimmelt, so daß man als Nichttechniker fürchtet, jeden Augenblick wo anzustoßen und einen falschen Kontakt zustellen oder einen richtigen zu stören. Es ist gerade Zeit für das allstündliche Gewitter, der Gott macht sich an seine Arbeit, und was nun folgt, ist teils schon rein technisch bewundernswert, teils von gespenstischer Situationskomik: Wenige Griffe, die Widerstände, einschalten: Langsam bezieht und verdüstert sich der Himmel. Hin und her greifen die Hände, Regenschauer werden auf die Wand projeziert, aber zugleich rauscht auch wirkliches Wasser unmittelbar vor der Terrasse nieder, so daß die Illusion vollkommen wird, und Donner grollt auf. Durch einen kleinen Ausguck sehen wir die Gesichter der Gäste, die voller Spannung den Naturvorgang miterleben.
Ob wir es wetterleuchten lassen? Oder gar blitzen? Ein kurzes Flackern auf zwei Druckkontakten, und schon wetterleuchtet es, daß die Wettervorhersage ihre Freude daran hätte. Und jetzt ganz groß: Schnell einen Hebel kurz runtergedrückt- und draußen flammt ein Blitz auf, der fast eindrucksvoller ist als ein echter. Aber wehe, wenn's nicht schnell genug ginge! Dann bliebe der Blitz unnatürlich lange am Horizont, und der Eindruck wäre zerstört. Es gehört viel Fingerspitzengefühl zum Donnergott, und gerade er als Betreuer eines technischen Wunders muß sehr naturverbunden sein, muß wissen, wie sich solch Gewitter wirklich abwickelt, um es in jeder Phase nachbilden zu können, um Donner und Blitz, Regenbogen und Vogelgezwitscher zur rechten Zeit einzusetzen.
Draußen ist jetzt der schlimmste Sturm vorüber, der Himmel hellt sich auf (wieder ein paar wichtige Griffe), es wird Zeit für den erlösenden Regenbogen (ein anderer Griff) und schließlich auch für das Gezwitscher der wieder mutig gewordenen Vögel (Platte mit Vogelsiimmen). Und während diese Platte noch abschnurrt, erfahren wir, daß auch das Alpenglühen im Löwenbräu ähnlich vor sich geht aber als echtes Berggewitter natürlich ohne Regen und auch insofern nicht ganz so komfortabel, als hier der Donner nicht technisch erzeugt wird, sondern durch einen braven Bayernmusiker, der sich dafür aber gewaltig ins Zeug lege . . .
Ein anderer Zauber, über den sich die Gäste häufig den Kopf zerbrechen: Wie fahren die Schiffe der Bremer Kombüse? Jedes Schiff ist auf einem laufenden unendlichen Band befestigt, fährt einmal oben entlang, dreht sich an dem einen Wendepunkt nach unten, fährt für's Publikum unsichtbar unterhalb der Dekoration zurück, dreht am ändern Wendepunkt wieder nach oben (siehe Bilder rechts), und fährt dann erneut seine Strecke ab.
Ein bisschen Statistik:
Keine Angst, wir wollen nicht mit langen Zahlentabellen um uns werfen, sondern Ihnen gewissermaßen nur ein paar „statistische Bonbons" anbieten. Bitte greifen Sie zu -es sind Zahlen, mit denen man die vergnüglichsten Rechenexempel anstellen kann:
Für die Freunde von Speise und Trank:
In den zehn Jahren seit der Gründung wurden verbraucht:
5 000 000 Liter Bier
3 500 000 Flaschen Wein und Schaumweine
1 820 000 kg Fleisch
160 000 Stück verschiedenes Geflügel
119 000 kg Fisch
4 000 000 kg Kartoffeln
262 000 kg Tafelbutter
273 000 kg Kaffee
1 500 00 Stück verschiedene Kuchen
Bei der Betrachtang dieser Zahlen muß berücksichtigt werden, daß im Haus Vatertand hauptsächlich zu Abend gegessen wird. Rund 10 Millionen Gäste haben im Laufe der vergangenen 10 Jahre das Haus Vaterland besucht. Es könnte von den vorgenannten Lebensmittelmengen eine Stadt in der Größe Merseburgs fast ein Jahr lang gut zu Abend essen.
Für Techniker:
12 500 Lampen erhellen das Haus
20 Fahrstühle verkehren zwischen den Stockwerken
176 Motore arbeiten mit einer Gesamtleistung von 550 PS
100 000 Kilowattstunden beträgt der monatliche Stromverbrauch
100 000 Kubikmettr Frischluft werden stündl. in das Haus gepumpt
82 Feuerlöscher sichern das Haus
Für den Musikfreund:
8 Orchester spielen zum Tanz und sorgen für Unterhaltung
1 000 Klaviersaiten sprangen !
Und als Trost für die Hausfrau:
Es wurden bisher gewaschen und poliert:
40 000 000 Teller * I5 000 000 Gläser * K 10 000 000 Tassen
Wenn man bedenkt, daß im Haushalt das sorgfältige Säubern und Trocknen pro Gegenstand etwa 1/2 Minute dauert, so ergibt sich, daß jemand, der daran gehen wollte, diese Arbeit allein zu bewältigen, hierfür 61 Jahre brauchte l während welcher Zeit er allerdings weder schlafen, noch essen, noch trinken dürfte, sondern nur waschen und polieren, bei Tag und bei Nacht, ohne die geringste Unterbrechung.
Welch Glück, daß es andere 'Menschen gibt, die einem dabei helfen können

Küche und Keller
Küche und Keller
Wir haben schon manchen Blick hinter die Kulissen getan - bitte, begleiten Sie uns jetzt zum fünften Stock, in die Hauptküche! Nebenbei bemerkt: Es gibt nicht viel Küdien in der Welt, die wie diese hoch über den Dächern liegen, in so hellen und gutgelüfteten Räumen ! Da begrüßt uns schon Herr Hotzelmann, der oberste Küchenleiter des Hauses, und bald sind wir im Bilde:Die wichtigsten Säle haben sämtlich eine Küche, eine sogenannte Teilküche, bei der die Kellner oder Serviererinnen ihre Bestellung abgeben. Kleinere Sachen, Eierspeisen oder Bratstücke von Pfanne und Grill werden gleich hier bereitet. Für alles andere aber ist die Hauptküche da, gleich, ob es sich um große Braten oder ganze Keulen handelt, um Suppen oder Soßen, um Obstsalate oder kalte Platten. Da wir Herrn Holzelmann etwas verwundert ansehen - denn schließlich liegen doch die meisten Säle viel tiefer! führt er uns an eine Wand, und wir ent-ecken eine vollständige Rohrpostanlage, Jetzt können wir uns auch das Geräusch erklären, das uns alle Augenblicke aufhorchen ließ: Es sind die ankommenden Rohrpostpatronen, die von den Teil-küchen hinaufgejagt werden, damit die Hauptküche die Wünsche der Gäste erfülle.Mit dem Fahrstuhl gelangen die fertigen Platten dann in die Teilküche und von hier zum Gast, der wohl kaum ahnt, welche Expreßreisen seine Be-stellung hinter sich hat. Über 100 Köche und Helfer stehen am Herd, davon fünfzig allein in der Hauptküche. Sie alle wissen, daß sie auch an dieser Stelle den Namen Kernninski vertreten und haben dadurch mitgeholfen, den Ruf des Hauses Vaterland' zu begründen.
Und genau so isfs mit dem Wein: Der Keller des Hauses ist verhältnismäßig Mein, ist eigentlich ein bloßer Durchgangskeller und braucht auch nicht größer zu sein; denn dem Haus Vaterland steht ein Weinkeller zur Verfügung, der seinesgleichen sucht: Die riesigen zweigeschossigen Kellereien von Kempinski Alle edlen Gewächse, die Kempinski in seinen Weinstuben ausschenkt (Leipziger Str. und Kurfürsten-damm), die in dem entzückenden Landsitz Hotel Schloß Marquardt gereicht werden, die in fremden Ländern ebenso berühmt sind wie im ganzen Reich, all diese mit Verständnis ausgesuchten und liebevoll behandelten Weine warten auch auf den Besucher des Hauses Vaterland.
Und genau so ist's mit dem Wein: Der Keller des Hauses ist verhältnismäßig klein, ist eigentlich ein bloßer Durchgangskeller und braucht auch nicht größer zu sein; denn dem Haus Vaterland steht ein Weinkeller zur Verfügung, der seinesgleichen sucht: Die riesigen zweigeschossigen Kellereien von Kempinsfci/ Alle edlen Gewächse, die Kempinski in seinen Weinstuben ausschenkt (Leipziger Str. und Kur/ürsten-damm), die in dem entzückenden Landsitz Hotel Schloß Marquardt gereicht werden, die in fremden Ländern ebenso berühmt sind wie im ganzen Reich, all diese mit Verständnis ausgesuchten und liebevoll behandelten Weine warten auch auf den Besucher des Hauses Vaterland.

Text fehlt noch - folgt...

Schon am Nachmittag geht es los
,,Immer ein vergnügter Abend!" so lautet das Kennwort des Hauses. Darüber könnte man beinahe vergessen daß im Winter auch die Nachmittage ein buntes Bild bieten. So vereint der Tanztee im Palmensaal von Jahr zu Jahr mehr tanzfrohe Menschen, und immer noch wächst die Beliebtheit der zahlreichen Modeschauen, die in Verbindung mit bekannten Berliner Salons und temperamentvollen Modeplauderinnen veranstaltet werden. Auf der Rlieinterrasse treffen sich die Berliner Hausfrauen beim Nachmittagskaffee, und in der „Kinderspielstube" vergnügen sich unterdes die Kleinen unter Aufsicht einer Kindergärtnerin mit Schaukelpferd und Puppen. Und wenn der unterhaltsame Nachmittag ausklingt, dann naht mit der Dämmerung ein neuer Abend, dann schließt sich der ununterbrochene Kreislauf der 24 Stunden zu einer neuen Nacht des Frohsinns !
Ein Seitensprung
von wenigen Metern und wir sind im Kaffee Vaterland, dem größten Kaffeehaus am Potsdamer Platz. Mit seinen 2000 Sitzplätzen, seinen zwei Stockwerken, den Balkonbrüstungen mit künstlerisch wertvollen Mosaikeinlagen und, vor allen Dingen, mit seinen herrlichen Kronleuchtern, die eine verschwenderische Lichtfülle ausstrahlen, ist es ein Kaffeehaus von wahrhaft weltstädtischem Charakter, das durch Konzertkapellen von Format wie durch seine Küchenleistungen alles daransetzt, seine Gäste zu verwöhnen. Hier nehmen ankommende Reisende morgens ihr erstes Frühstück, hier essen mittags zahlreiche Geschäftsleute und Berlin - Besucher, hier trifft man sich nachmittags bei Kaffee und Kuchen, und hier ist abends der ideale Treffpunkt für einen Bummel durch's Haus Vaterland.

Quellen: Klaus Lindow und Uwe Friedrich
Es folgen weitere Aufnahmen.
Aktualisiert am:
info@haus-vaterland-berlin.de
www.haus-vaterland-berlin.de