Stadtbaukunst neuer und alter Zeit vom 20. November 1928
Von Max Feige und G. A. Wolf f.

Seite 35 / Einleitung
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Neben der hochentwickelten Technik im „Haus Vaterland" ist die Originalität der einzelnen Räume, die Ausstattung mit der verblüffenden Milieuschilderung überraschend. Einen besonderen Eindruck hinterläßt z. B. die Rheinterrasse, in der die bekannte Theater-und Kunstgewerbehaus G. m. b. H. (Inh. Oskar Stenger), Berlin, — ebenso wie in den meisten übrigen Räumen —die gesamten dekorativen Innenausbauten übernommen hatte. Das in seiner Perspektive und Farbgebung ausgezeichnete Panorama mit den Weinbergen, die Kuppel, die Velarien erhöhen raffiniert jene Stimmung, die den gesteigerten Konsum von rheinischem Wein bedingt. Wie auf der Rheinterrasse stammen auch die naturgetreuen Panoramen von Grinzing, Bayern, Czardas, Wild-West und dem Türkischen Cafe aus den Werkstätten des Theater-Kunstgewerbehauses, das allein im Türkischen Cafe vier Wochen lang vier Leute mit dem Ausschneiden der dekapierten Fenster beschäftigen mußte. Bei diesen Holzarbeiten wurden 480 000 Traillen für die Fenster gedrechselt. — Außer diesen umfang-reichen Holzarbeiten muß auf die Malerei hingewiesen werden, die vielleicht in dem hochgeschnitzten Figurenfries im Bayernsaal ihren charakteristischsten Ausdruck gefunden hat. Im Bayernsaal befindet sich ferner ein Gelände aus den gleichen Werkstätten, das sich ähnlich wie die Holzeinbauten, Balkendecken, Trennungswände und Kojen in der Czardas und Wild-West harmonisch und unauffällig dem entsprechenden Nationalbild des Raumes anpaßt. Eine recht originelle Idee ist beim Eingang von der Czardas und Wild-West verwirklicht. Beide Türen besitzen kleine Vorbauten, die auf die ländliche Eigenart hinweisen: die Czardas ein strohgedecktes Dach, Wild-West die Blockhaustür mit dem Adler der Steppe. —

Eine Arbeit, die in ihrer Einfachheit nicht im entferntesten die verursachte Mühe erkennen läßt, war der komplette Aufbau der Drillagen in Grinzing, wo die gesamte Wandbekleidung, die Malerei, kurzum die gesamte Innenausstattung (natürlich ohne Möbel) von demTheater-Kunstgewerbehaus hergestellt wurde, das sich durch seine vorbildlichen Bühnenausstattungen (Großes Schauspielhaus, Metropol, Capitol, Titania usw.) für Theater und Film im In- und Ausland einen bekannten Namen erworben hat.

Um bei den schweren Belastungen und Beanspruchungen des Heizkellerfußbodens nicht mit dauernden Reparaturen rechnen zu müssen, wurde als Fußbodenbelag-material Duromit-Belon gewählt, und zwar in Plattenausführung, wobei also Betonplatten mit einer DuromitOberschicht, in gleicher Weise wie bei Plattenbelag allgemein üblich, auf einer Unterschicht verlegt wurden. Duromit-Beton verhütet nicht nur eine Zerstörung durch hohe statische oder dynamische Beanspruchung, sondern verhindert auch ein Ausgleiten, weil seine Oberfläche griffig bleibt, ebenso verhindert er Staubbildung.

Die bekannte Jalousiefabrik Robert Reichelt hat die an der Front des Vorderhauses befindlichen Sonnenmarkisen mit neuem Stoff in modernen Farben versehen und die veralteten und nicht mehr betriebsfähigen in zeitgemäße Markisen umgewandelt. Diese Arbeit trägt, vornehmlich bei Sonnenschein, wenn die Markisen heruntergelassen sind, zu dem freundlichen und gefälligen Äußeren des „Hauses Vaterland" bei.

Aktualisiert am: Donnerstag, 6. April 2006
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